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Die längst vergessene Stadt Erénwin
30-Minuten-Geschichte für Kinder und Erwachsene

Inhalt der 30-Minuten-Geschichte: Die Stadt Erénwin liegt unter einem Bann. Ein alter Zauberer hat die Stadt verzaubert und keiner kann in die Stadt oder sie verlassen. Von außen sieht man nur ein Moor, das übel riecht. So vergehen die Jahrhunderte, bis die Kinder Lina und Max sich auf die Suche machen, die Barriere zu durchbrechen und den Zauber aufzulösen. Sie gelangen auf ihrer Suche sogar in eine fantastische, andere Welt und begegnen zauberhaften Wesen.

Es ist eine spannende Geschichte, die sowohl für Erwachsene und Kinder geeignet ist.

Vorlesedauer: 30 Minuten je nach Sprechtempo
Altersgruppe: für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Spannende 30-Minuten-Geschichte

Die längst vergessene Stadt Erénwin
30-Minuten-Geschichte für Kinder und Erwachsene

Hinter dem höchsten Berg und der tiefsten Schlucht, weit hinter all dem, was du bisher kennenlernen durftest, gibt es eine alte Stadt. Sie ist für alle unsichtbar, denn sie liegt unter einer besonderen Magie verborgen.

Vor sehr langer Zeit hatte ein alter Zauberer die Stadt Erénwin mit einem magischen Bann belegt. Alle Menschen, die sich diesem Ort von außen näherten, gingen einfach vorbei, weil sie für die Fremden unsichtbar war.

Stattdessen sahen Außenstehende nur ein altes Moor, das noch dazu ganz übel roch. Ein jeder lief schnell vorbei, um ja nicht dem Gestank zu lange ausgesetzt zu sein.

Ebenso konnten die Bewohner von Erénwin nur ihre eigenen Häuser und das Umfeld der Stadt sehen. Wollte aber jemand die alten Stadtmauern verlassen, hielt ihn eine unsichtbare Barriere davon ab. Er konnte einfach nicht weitergehen und prallte gegen diese Grenze.

Es gab sogar eine Belohnung für jeden, der es schaffen würde, Erénwin zu verlassen. So manch mutiger Einwohner ritt mit seinem Pferd im vollen Galopp gegen die Barriere und wurde dennoch massiv zurückgeschleudert. Über viele Jahre hinweg wurden die abenteuerlichsten Dinge probiert, aber nichts davon hatte Erfolg.

So vergingen die Jahrhunderte und die Menschen gewöhnten sich daran, dass sie an die Stadt gebunden waren, und die Zahl der Mutigen nahm mit jedem Jahr ab.

Doch im Laufe der Zeit wurden die Leute immer unglücklicher und liefen nur noch mit hängenden Schultern und einem traurigen Gesicht durch die Straßen. Manche verließen sogar ihr Haus nicht mehr.

Eines Tages beschlossen das Geschwisterpaar Lina und Max, das Problem endgültig zu lösen. Sie wollten es nicht einfach hinnehmen und das gleiche Leben führen, wie all die anderen.

Die Einwohner von Erénwin rieten ihnen ab und sagten, dass es zwecklos sei. Sie wären gefangen und sie müssten dies akzeptieren. Aber die Kinder dachten, dass man manchmal seinen Träumen folgen und neue Abenteuer erleben muss. Und mit ein bisschen Mut und einem schlauen Plan kann man sogar scheinbar unmögliche Dinge schaffen!

Lina und Max liefen alle Straßen ab. Sie machten sich Notizen, tasteten fast jeden Zentimeter der Barriere ab. Unermüdlich erfassten sie so die ganz Umgebung. Es dauerte Monate, bis sie alles aufgezeichnet hatten und über einen riesigen Plan der Stadt und der unsichtbaren Mauer verfügten.

Doch auch sie fanden keine Tür und kein geheimes Fenster, das durch die Barriere führen würde. Sie hatten noch nicht einmal ein winziges Loch gefunden, durch das eine Maus hätte durchschlüpfen können.

Verzweiflung machte sich langsam bei ihnen breit und Lina wollte schon aufgeben, da kam Max eine Idee. Ihm war beim Vermessen der Stadt ein uralter Turm aufgefallen. Die Fensterläden hingen schon ganz schief am Gemäuer und alles schien bereits sehr alt und verfallen zu sein. Aber etwas sagte ihm, dass dies ein besonderes Gebäude ist.

Es gab da alte Zeichnungen und Inschriften auf der verwitterten Eingangstür und die waren Max schon vor ein paar Wochen komisch vorgekommen.

„Sag mal, Lina, ist dir der alte Turm auch aufgefallen, bei unserer Suche?“, fragte er seine Schwester. Sie dachte kurz nach und erwiderte nickend: „Ja, der alte Turm war schon seltsam. Ich glaube, da wohnt keiner. Obwohl es in der ganzen Stadt zu wenig Häuser gibt, halten alle Abstand. Aber keiner weiß eigentlich warum. Was denkst du? Sollen wir uns den Turm mal etwas genauer anschauen?“

„Klar, der ist sehr verdächtig, den sollten wir mal näher anschauen. Lass uns noch einen Rucksack mit Verpflegung und einer Öllampe packen. Man weiß ja nie.“

Lina und Max waren sehr neugierig und beschlossen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. „Wir müssen es herausfinden, Max! Wie wohl die Welt vor Erénwin aussieht? Komm, lass uns losgehen!“, sagte Lina aufgeregt.

Sie machten sich auf den Weg und gelangten zum Turm. Er stand nur wenige Meter entfernt von der Barriere und war völlig unscheinbar. Doch als sie näher kamen, sahen sie die alten verwaschenen Zeichen auf der Eingangstür. Sie klopften gegen die Tür, doch keiner machte auf. Lina rief mit fester Stimme zum Turm hoch: „Hallo, ist da jemand?“

Doch wieder war nichts zu hören und keiner bewegte sich hinter den Fenstern. Da beschlossen die Kinder nochmals zu klopfen. Wieder herrschte absolute Stille und keiner antwortete. Lina fasste allen Mut zusammen, ergriff beherzt den Türknauf und drehte ihn um.

Mit einem leisen Knarzen schwang die Tür auf und beide konnten in das Innere des Turms sehen. Dort lagen kleinere und größere Bücherstapel auf dem Holzboden herum. Alles war komplett verstaubt und etliche Spinnweben hatten sich in den Nischen der Bücherregale breit gemacht. Eine geschwungene, ebenfalls ziemlich schmutzige Treppe führte hoch zum oberen Turmzimmer.

Der Turm schien schon vor langer Zeit verlassen worden zu sein und es war alles auch sehr unordentlich. Max betrat als erster das kleine Zimmer und sah sich um. Es lag ein altes Buch auf einem Tisch und eine abgebrannte Kerze stand daneben.

Lina kam ebenfalls herein und ging gleich über eine Leiter noch ein Stockwerk höher. Dort waren die Wände voller Regale und überall auf dem Boden lagen auch einzelne Bücherstapel.

„Max, was meinst du? Sollen wir jetzt jedes Buch und jedes Regal durchsuchen? Das sind wirklich eine Menge Bücher. Da haben wir ja wieder Monate zu tun“, rief Lina mit einem Seufzen in der Stimme nach unten.

„Ja, da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, oder hast du einen anderen Plan?“

„Leider nicht“, antwortete Lina und blies müde die Backen auf.

So suchten die beiden Geschwister in jedem Buch und in jedem Regal nach einem besonderen Hinweis. Monate vergingen und sie verbrachten mehr Zeit im Turm als an jedem anderen Ort. Völlig entmutigt wollten sie schon aufgeben und dachten an die Worte der anderen Einwohner der Stadt.

An einem Abend jedoch, als es draußen schon finster wurde, wollten sie sich gerade auf den Heimweg begeben, da stolperte Lina über eine Unebenheit im Erdgeschoss des Turms. Es war ein kleiner Nagel, der etwas hervorstand.

Als die beiden sich die Stelle genauer anschauten, bemerkten sie, dass die Holzbretter etwas anders waren als im restlichen Turm. Es gab da einen kleinen Spalt, durch den die Kinder nach unten sehen konnten.

Neugierig geworden, versuchten sie das Holz anzuheben und mit etwas Mühe gelang ihnen das auch. Die Bretter lösten sich allmählich aus ihrer Verankerung und am Ende öffnete sich eine ganze Bodenklappe, die den Zugang zu einer Treppe freigab. Diese schien in weitere Räume unter dem Turm zu führen.

Neugierig geworden, entzündeten die zwei Geschwister ihre Öllampe und schritten vorsichtig über die knarzende Treppe nach unten.

Auf der untersten Stufe angelangt sahen sie einen langen Gang, der unterirdisch vom Turm wegführte und sich immer wieder verzweigte.

„Es wäre ja wirklich mal schön gewesen, einfach nur einen Ausgang zu finden. Aber der alte Zauberer muss schon ein ziemliches Ekel gewesen sein, dass er sogar die letzte Hintertür noch mit Schikanen belegen musste“, maulte Max frustriert vor sich her und kickte einen kleinen Stein von der Holzstufe.

Als sie in den geheimnisvollen Gang eintauchten, stießen sie auf ein altes Wandgemälde, seltsam anmutende Statuen und sehr viel Staub.

„Wow, schau mal Max, dieses Wandgemälde ist wirklich seltsam“, sagte Nina und wischte den Staub von einem Porträt eines alten Zauberers.

„Ha, das ist er bestimmt. Ich denke, dass wir uns langsam dem Geheimnis nähern, Nina“, sagte Max mit neuem Mut in der Stimme und lief den Gang geradeaus weiter. An einer alten Holztür angelangt, nahm er den Griff in die Hand und drückte nach unten. Mit einem Knarren sprang die Tür auf und sie sahen dahinter nur eine graue Wand. Mehr war da einfach nicht.

Enttäuscht liefen die Geschwister mal nach links und dann nach rechts und wurden dabei immer müder und müder. Nach einer Weile setzte sich Lina einfach auf den Boden und schüttelte traurig den Kopf: „So können wir nicht weitermachen, Max. Wir brauchen einen Plan. Manchmal denke ich, dass wir immer wieder im gleichen Gang entlanglaufen und immer wieder die gleichen Türen aufmachen.“

Erschöpft nickte Max und sah sich in seiner Umgebung um. Da erblickte er einen weißen Stein, der aussah wie aus Kreide. „Wenn wir jede Tür markieren und ein Zeichen darauf machen, dann wissen wir, dass wir hier schon mal waren und anders abbiegen müssen.“

Lina nickte und rappelte sich wieder auf. So markierten sie Tür für Tür und entdeckten am Ende eine Abzweigung, die sie vorher noch gar nicht beachtet hatten.

Ein kleiner Schimmer leuchtete durch die Ritzen einer Tür am Ende des Gangs. Es war wie ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die zwei. Keiner wollte dem anderen gegenüber zugeben, dass ihn der Mut langsam verließ.

Max deutete auf die Tür am Ende des Gangs. „Ich hoffe nur, dass wir es schaffen, dorthin zu gelangen.“

Doch ihr Weg war mit Hindernissen gepflastert. Alte Möbel und Steine blockierten den Weg und sie mussten kreativ sein, um sie aus dem Weg zu räumen.

„He, hilf mir mal, Max“, rief Nina und deutete auf eine schwere Kommode, die den Weg versperrte. „Zusammen schaffen wir das.“

Und tatsächlich, gemeinsam gelang es ihnen, die Hindernisse zu überwinden und den Weg freizumachen. Die beiden Kinder waren gespannt darauf, was sie hinter der leuchtenden Tür finden würden.

„Bereit, Nina?“, fragte Max und legte die Hand auf den Türknauf.

„Auf jeden Fall“, antwortete Nina mit einem Abenteurerlächeln auf dem Gesicht.

Als Lina und Max die Tür öffneten, konnten sie ihren Augen kaum trauen. Vor ihnen lag eine wunderschöne, saftig grüne Welt, die von unzähligen Tieren bevölkert wurde.

Die Sonne schien auf eine weite Ebene, gesäumt von endlos scheinenden Bäumen. In der Luft flatterten bunte Vögel und es war, als ob alle Tiere friedlich miteinander lebten.

„Wow!“, rief Lina aus. „Das ist ja unglaublich!“

Max nickte begeistert. „Sieh dir nur die Farben an, alles ist so lebendig!“

Plötzlich sahen die Geschwister, wie sich eine Gruppe von Wesen näherte, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Sie sahen aus wie kleine, flauschige Bären, mit Glitzerschwingen und leuchtenden Augen. Die Wesen schwebten auf die Kinder zu und begannen mit einer sanften Stimme zu singen:

„Willkommen in unserer Welt, ihr mutigen Abenteurer. Wir freuen uns, euch hier zu sehen.“

Lina und Max starrten die Wesen fasziniert an und konnten nicht glauben, was sie gerade erlebten. Es war, als ob sie in eine magische Welt voller Zauber und Abenteuer eintauchten.

„Kommt mit uns. Ich heiße Dorian und ich bin der älteste meiner Art“, sagte das Anführer-Wesen. „Wir zeigen euch alles, was unsere Welt zu bieten hat.“

Die zwei Geschwister folgten den Wesen und erlebten eine unvergessliche Reise durch eine Welt voller Wunder. Es gab Wälder mit leuchtenden Pilzen, Wiesen voller bunter Blumen und Flüsse, die silbrig in der Sonne funkelten. Die Kinder trafen auf freundliche Tiere und entdeckten geheimnisvolle Höhlen, die voller Schätze waren.

„Dies ist unser Zuhause“, sagte Dorian stolz. „Es ist ein Ort voller Wunder und Abenteuer. Hier kann man alles entdecken und erleben, was man sich nur vorstellen kann.“

Die zwei Kinder waren begeistert von dieser Welt und beschlossen, so oft wie möglich zurückzukehren, um all die Wunder zu erleben, die sie noch nicht entdeckt hatten. Es war, als ob sie in eine Zauberwelt eingetaucht waren, die nie mehr enden würde.

Ihre Besuche bei den geflügelten Bärchen wurden immer häufiger und manchmal kehrten sie erst nach Tagen, dann nur noch nach Wochen in ihre eigene Welt zurück. Die trübseligen Bewohner der Stadt und die Eintönigkeit ihres Lebens waren sehr bedrückend für die zwei Geschwister.

Das Leben bei Dorian und seinesgleichen dagegen leicht, fröhlich und unbeschwert. So kam es, dass Lina und Max gar nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten.

Mit jedem Tag in der magischen Welt – sie konnten nicht einmal genau sagen, wie langen ein Tag dort dauerte – vergaßen die Kinder mehr und mehr die Stadt und ihr altes Leben, denn hier waren sie glücklich und sorgenfrei.

Eines Abends, als Lina und Max wieder einmal einen Spaziergang entlang eines klingenden Baches machten, bevor sie sich schlafen legten, hörte Lina die leise Stimme eines anderen Kindes, das mit der Melodie des Baches summte. Sie wusste sofort, dass es sich nicht um ein Bärchen handeln konnte, denn die Stimmen der pelzigen Wesen war ganz anders.

Neugierig machten sie sich auf die Suche nach der Quelle des Summens. Nicht weit entfernt fanden sie einen Jungen von etwa drei oder vier Jahren, der, völlig in sein Spiel mit ein paar Hölzchen und Steinen versunken, am Ufer des Baches kniete.

Er schien etwas zu bauen und schien recht begabt zu sein. Es gab verschiedene Häuschen, eine Art Kirche und eine kleine Umfriedung, die sich rund um seine kleinen Bauwerke zog.

Insgesamt bestand das Hölzchen-Gebilde zwar nur aus kleinen Zweigen und Kieselsteinen, aber etwas an ihr mutete den Geschwistern sehr vertraut an.

Mit einem Mal erkannten sie, was der Junge gebaut hatte: Es war ihre eigene Stadt, die sie vor scheinbar langer Zeit verlassen und beinahe schon vergessen hatten.

Verträumt lächelte der kleine Junge die beiden an und sagte „Hallo, möchtet ihr mitspielen?“ Max und Lina hatten das Gefühl, diesen kleinen Kerl schon mal gesehen zu haben, aber er konnte unmöglich aus Erénwin stammen, da sie alle Kinder kannten und er ihnen dort nie begegnet war.

Um die Anspannung zu lösen, antwortete Max hastig „Gerne, wie heißt du denn?“ „Weiß nicht“, antwortete der Bub knapp, aber es schien ihn auch nicht zu kümmern.

Die Geschwister ließen sich bei dem Jungen nieder und zusammen spielten sie bis tief in die Nacht. Im hellen Mondlicht setzten sie Steinchen an Steinchen, Zweig an Zweig.

Der kleine Junge setzte gerade einen letzten Kiesel ganz oben auf ein hohes rundes Bauwerk. Mit einem Mal hatten Lina und Max wieder dieses kribbelnde Gefühl im Nacken, das sie auch fühlten, als sie das erste Mal den alten Turm betraten. Der alte Turm … warum, fragten sie sich, hatten sie eigentlich diesen alten Turm besucht?

Am nächsten Morgen gingen die drei vergnügt wieder am Bach entlang und genossen die Sonne auf ihren Köpfen. Der kleine Junge sprang mit Begeisterung immer mal wieder in den kleinen Bach hinein und ließ das Wasser ordentlich aufspritzen.

Nach einiger Zeit gelangen sie zu einer alten Hütte, die ihnen vorher noch gar nicht aufgefallen war. Der Junge lief gleich zur offenstehenden Tür und rief: „Wollen wir Verstecken spielen?“, und schon war er hinter der Tür verschwunden.

Die zwei Geschwister liefen ihm gleich nach und sahen, als sie durch die Tür traten, einen Raum voller Bücher, Kräutern und seltsam anmutenden Gegenständen.

Ein leises Kichern war zu hören und Lina entdeckte das Kind unter dem Bett. Sie rief: „Ich hab’ dich!“ Lachend kam der Junge hervor und hatte einen Umhang in der Hand, der an die Kleidung des alten Zauberers erinnerte.

Da wurde es Lina und Max schlagartig bewusst, dass dies wohl das Zuhause des alten Zauberers sein musste. Auf den Tischen lagen seine Notizen und Zeichnungen. Erschrocken blickten sie sich nervös um, als erwarteten sie, dass er im selben Moment in die Hütte kommen könnte. Doch es passierte nichts.

Nur der kleine Junge stand fordernd im Raum und wollte weiter Verstecken spielen.

Als nichts geschah und auch niemand kam, setzte sich Max mutig hin und fing an, in den Notizen des alten Zauberers zu lesen. Lina war aber noch ganz nervös und sagte: „Max, wir sollten besser gehen. Vielleicht kommt er ja bald wieder.“

Ihr Bruder sah sie grübelnd an und erwiderte: „Lina, eine solche Chance bekommen wir nie wieder. Jetzt können wir endlich das Rätsel unserer Stadt lösen.

Der Zauberer ist vor so langer Zeit einfach verschwunden und keiner konnte sagen, warum es diesen Bann überhaupt gibt. Wenn wir jetzt gehen, dann werden wir das nie erfahren. Geh doch mit dem Jungen nach draußen und halte Wache.“

Lina war das zwar ganz und gar nicht geheuer, aber sie nickte und ging nach draußen. Max verbrachte Stunden in der Hütte. Erst als es draußen schon stockfinstere Nacht war, stieß er wieder zu den anderen.

Mit etwas Holz aus der Umgebung entfachte er ein Feuer und die drei kuschelten sich aneinander. Eine Zeitlang herrschte nur Stille, die lediglich vom Knacken und Knistern des Feuers unterbrochen wurde. Der kleine Junge schlief in Linas Armen ein und Max starrte nur in das Feuer hinein.

Nach einer Weile stocherte Lina ungeduldig mit einem Stock im Feuer herum, als Max endlich zu reden begann: „Lina, ich habe jetzt die Notizen des alten Zauberers durchgelesen. Er hat ein Tagebuch geführt und ich verstehe jetzt so einiges mehr.

Da steht, dass er vor langer Zeit die alte Stadt mit einem Bann belegt hat, um sie zu schützen. Die umliegenden Königreiche hätten sich bekriegt und die Heere dieser Reiche hätten alles in Schutt und Asche gelegt.

Jede Stadt, jedes Dorf und alles, was ihnen auf ihren Feldzügen begegnete, wäre gnadenlos dem Erdboden gleichgemacht worden. Da beschloss er, Erénwin zu retten und eine unsichtbare Barriere zu erschaffen, sodass sie keiner sehen konnte.

Die Kriege hätten sehr lange gedauert und er wurde immer älter. Er hat diese geheime Welt hier erschaffen, mit all ihren Bewohnern, um eine Zeit des Friedens abzuwarten.

Auch hier gibt es einen Zauber. Je länger man sich hier aufhält, desto jünger wird man. Es geschieht ganz langsam. So wollte er die Jahrhunderte überleben und dann die Stadt wieder vom Bann befreien.“

Mit großen ungläubigen Augen schaute Lina ihn an und fragte: „Und wo ist der Zauberer jetzt?“

Max schaute den kleinen Jungen an und strich im zärtlich über die Haare. „Ich glaube, es ist etwas schiefgelaufen.“ Er deutete auf das schlafende Kind und sagte: „Ich bin mir sicher, dass dies der alte Zauberer ist.“

„Nicht dein Ernst!“, rief Lina erstaunt aus. Max sah sie an und sagte: „Doch, leider. Zum Glück hat der alte Zauberer alles notiert, falls etwas schieflaufen würde und er hat auch alles vorbereitet, sodass auch ein anderer den Zauber brechen kann.

Wir haben jetzt allerdings ein Problem. Wir wissen ja nicht, ob vor unserer Stadt noch Krieg herrscht oder wie es jetzt dort aussieht. Wie wir das erfahren, stand nicht in seinen Notizen.“

Die zwei Geschwister diskutierten bis spät in die Nacht hinein, wie sie dieses Problem beheben könnten, aber keiner hatte die Lösung dafür. Als es bereits wieder dämmerte, schliefen sie völlig erschöpft ein.

Der Ruf eines Vogels weckte sie aus dem tiefen Schlaf. Er trällerte fröhlich und rief seinen Schwarm. Anschließend pickten diese gemeinschaftlich auf dem Boden herum, auf der Suche nach ein paar Samen.

Lina betrachtete sie und folgte dem fröhlichen Gezwitscher. Der kleine Zauberer sprang immer mal wieder zu den Vögeln hin und quietschte vor Vergnügen.

Max stöberte weiter in der Hütte und suchte nach weiteren Hinweisen, da hatte Lina auf einmal eine zündende Idee und rief: „Max, was hältst du davon, dass wir wieder nach Hause gehen und es dem Stadtrat vortragen. Die sollen entscheiden, ob wir den Zauber lösen oder nicht. Es betrifft ja schließlich uns alle.“

Max kam aus der Hütte und schaute sie nachdenklich an. „Du hast recht, wir müssen zurück.“

So machten sich die drei auf den Weg zurück zur alten Stadt. Sie packten noch einige Utensilien des alten Zauberers ein und Max nahm den kleinen Jungen Huckepack.

In ihrem alten Zuhause angekommen, sahen sie wieder die missmutigen Menschen und fühlten das traurige Klima ihrer Umgebung. Wie gerne wären sie wieder in der anderen Welt mit all ihren Wundern.

Sie liefen die alten Gassen entlang und sahen die grauen Häuser und auch sie spürten, dass sie gar nicht mehr so zuversichtlich waren, wie vorher.

Am alten Rathaus angelangt, verlangten sie sogleich den Bürgermeister zu sprechen. Die Wachen lachten sie jedoch nur aus: „Ha, ha, sucht ihr einen neuen Spielkameraden? Noch nicht mal trocken hinter den Ohren und schon einen auf Wichtig machen. Was wollt ihr drei Knirpse von unserem Stadtoberhaupt? Kommt, geht woanders spielen.“ Griesgrämig standen die Wachen vor dem Eingang und niemand kam an ihnen vorbei.

Traurig gingen die Kinder wieder zum verlassenen Turm und beratschlagten sich. „Das war ja ein voller Erfolg. Was machen wir jetzt? Und wie überzeugen wir den Bürgermeister?“, sagte Max und rieb seine Hand nachdenklich an seiner Nase.

„Es gibt doch eine Belohnung für alle, die die Barriere überwinden können. Warum verlangen wir sie nicht einfach und führen den Zauber gleich durch?“ erwiderte Lina mit einem trotzigen Grinsen im Gesicht.

Die Geschwister schauten sich an und beratschlagten sich weiter. Sollten sie es wirklich wagen und den Zauber einfach auflösen? So ganz und gar, ohne die anderen einzubeziehen? Wenn sie vor einiger Zeit eine Lücke gefunden hätten, dann wären sie auch einfach so durchgegangen und hätten nicht danach gefragt. Die wichtigste aller Fragen war für die beiden aber, ob auf der anderen Seite noch weiter der Krieg herrscht.

Können sich Königreiche so lange bekriegen? Es müssten Jahrhunderte vergangen sein. Fragen über Fragen. Tagelang diskutierten sie darüber und am Ende kamen sie zu einem Ergebnis: „Wir werden den Bann auch ohne Bürgermeister lösen!“

Gesagt, getan, am nächsten Morgen verließen sie den alten Turm und bereiteten den Zauber vor. Sie sprachen Beschwörungsformeln, sammelten frische Kräuter, wedelten etwas mit einem Zauberstab herum und bemalten den alten Turm mit magischen Symbolen.

Als sich der Tag zu Ende neigte und den Abend begrüßte, entfachten sie ein Feuer und sprachen die letzten Formeln. Sogar der kleine Zauberer war an ihrer Seite. Er konnte zwar nur einzelne Worte mitsprechen, aber die zwei Geschwister waren sich sicher, auch seine Anwesenheit war von Bedeutung.

So vergingen die Stunden und es passierte einfach nichts. Völlig heiser vom vielen Rezitieren der Beschwörungen sanken sie ans Feuer und schauten frustriert dem Flammenspiel zu.

„Irgendwas hat gefehlt“, sagte Lina völlig erschöpft und stocherte mit einem Stab im Feuer herum. Max grübelte vor sich her und nickte. „Vielleicht müssen wir noch die richtige Betonung der Zaubersprüche finden.“

„Nicht schon wieder! Sollen wir jetzt wirklich jedes Wort und jeden Satz verschiedenartig betonen? Weißt du, wie lang das dauert und wie viel Kombinationen es gibt? Das ist der absolute Wahnsinn!“, erwiderte Lina mit wütenden Augen.

„Und was bleibt uns anderes übrig, oder möchtest du hier weiterleben und all die Menschen in Stich lassen? Klar könnten wir in die andere Welt, aber du siehst ja, was dann passiert.“ Max schaute dabei den kleinen Zauberer an, der vergnügt einen Turm aus Steinen baute.

„Okay, dann muss das wohl so sein“, seufzte Lina und trottete mit dem Mini-Zauberer an der Hand nach Hause.

Jeden Abend kehrte die kleine Gruppe zum Turm zurück und jedes Mal wurden sie von immer mehr Menschen beobachtet, die sich neugierig um die drei scharrten. Die Kinder berichteten von ihrer Reise und all ihren Erlebnissen, bevor sie mit ihrem abendlichen Zauber begannen.

Sie waren die Attraktion von Erénwin und sogar der Bürgermeister gesellte sich eines Abends zu den Schaulustigen und lauschte der Geschichte, der Kinder. Die drei und ihre Erzählungen waren im tristen Alltag der Menschen etwas Neues und auch Aufregendes.

Insgeheim hofften sie alle, dass doch etwas dran sein könnte, an den Erzählungen der Kinder. Sie hörten von der wundersamen Welt unter dem Turm und dass dieser kleine Kerl, der bei ihnen war, der jung gewordene Zauberer sei.´

Die Geschichte ließ alle Stadtbewohner träumen und sie wollten auch dabei sein. Nach einem Monat war die ganze Stadt abends auf den Beinen und sie standen alle in der Nähe des Turms.

Die Anwohner kannten inzwischen jeden Satz und sogar jedes Wort der abendlichen Zaubersprüche und sprachen sie mit. Es war als würden sie alle gemeinsam ein Lied singen. Die Melodie wurde zu einer Sinfonie, die über die Mauern von Erénwin erklang. Jeder Stein und jedes Lebewesen wurden von ihr berührt und dann geschah es.

Der alte Turm begann zu leuchten und die Symbole auf seinen Außenwänden lösten sich und schwebten auf magische Weise durch die Luft.

Staunend sahen sie die Magie wirken und das Gefühl der Hoffnung breitete sich aus. Ihre Augen leuchteten vor Freude und Tränen kullerten über so manches Gesicht. Die Menschen umarmten sich und Freudenrufe wurden laut.

Bei all dem Trubel geschah am Rande und völlig unbemerkt, ein weiteres Wunder. Der kleine Zauberer veränderte sich. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde er wieder älter, bis ein bärtiger Mann in einem reich verzierten Umhang vor ihnen allen stand.

In seiner Hand befand sich ein großer Stab mit einer leuchtenden Kugel am oberen Ende. Mit dröhnender Stimme übertönte er alle und um ihn herum blitzte und donnerte es. Es wurde so hell, dass die Nacht zum Tage wurde und da sahen sie es.

Die Barriere leuchtete im Sonnenschein wie aus Gold und Stück für Stück zog sie sich zurück, bis nichts mehr von ihr zu sehen war.

Stille herrschte unter den Anwohnern und der Zauberer ging mit machtvollen Schritten voran. Er verließ die alte Stadt und lief einfach immer weiter.

Dort, wo früher die Grenze war und keiner mehr die Stadt verlassen konnte, war jetzt eine wunderschöne Landschaft zu sehen. Ihr sattes Grün strahlte in allen Farben und es duftete wunderbar nach Sommerwiese. Weit entfernt glänzte die Spitze eines schneebedeckten Gebirges.

Die Geschwister sahen sich an und auch die Bewohner trauten ihren eigenen Augen kaum. Sie fragten sich, ob sie nun frei wären und einfach so gehen könnten.

Lina und Max machten es dem Zauberer nach und verließen Erénwin. Sie hüpften über die Wiesen und Felder und freuten sich. Als die anderen das sahen, liefen alle los und ein jeder war glücklich.

Einige holten sich ein paar Decken und legten sich zufrieden auf eine umliegende Wiese. Sie genossen die neugewonnene Freiheit und stießen bei einem leckeren Getränk mit dem alten Nachbarn an.

Lina und Max liefen eine Weggabelung entlang, da hörten sie plötzlich ein Rauschen, dass sich aus der Ferne näherte. Als sie zum Himmel blickten, war da ein großer silberner Vogel, der weiße Streifen über den blauen Himmel hinter sich herzog. Doch das kümmerte sie jetzt nicht, denn Zeit hatte heute keine Bedeutung für sie.

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